SASS
2, bearbeitete Auflage
Edition Fehrs-Gilde, Wachholtz Verlag, Neumünster, 2002
Format 10 x 15,3 cm, 453 Seiten, broschiert, ISBN
3529030007, 16,00 €
Wörterbuch-Charakteristik
Das
„Kleine plattdeutsche Wörterbuch“ von Dr. Johannes Saß mit seinen einfachen, am
Hochdeutschen orientierten Schreibregeln sowie mit 5.000 plattdeutschen Wörtern
wurde seit 1956 siebzehn mal unverändert aufgelegt. Es hat sich zum
Standardwerk für das Nordniederdeutsche entwickelt, wie es in
Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Nord und Westniedersachsen -
einschließlich Oldenburg, jedoch außer Ostfriesland - gesprochen wird.
Der
Erfolg des Buches basiert auf den einfachen und dem Hochdeutschen nahen
Schreibregeln. Weite Kreise der niederdeutschen Szene orientieren sich daran.
Hierauf
baut das neue Wörterbuch auf.
Seit
langem wird gefordert, den Wortschatz zu modernisieren und zu erweitern sowie
einen hochdeutsch-plattdeutschen Teil aufzunehmen. Das ist nun geschehen.
Der Wortschatz beider Teile wurde
jeweils von 5.000 auf 9.000 Wörter erweitert. Die Schreibregeln wurden
vorsichtig modifiziert, auch wurden sie entsprechend der Änderung der
hochdeutschen Rechtschreibung von 1996 aktualisiert.
B. Gestaltung wie ein
modernes Fremdsprachenwörterbuch
Das neue Wörterbuch liest sich wie ein
modernes Fremdsprachenwörterbuch. Lediglich die Lautschrift in Klammern hinter
den Wörtern war nicht notwendig. Es enthält einen niederdeutsch-hochdeutschen
sowie einen hochdeutsch-niederdeutschen Teil, eine Zusammenstellung von
Alltagssätzen, Zahlwörtern und Konjugationsmustern sowie Schreibregeln.
C. Besonderes zu den
Wörtern
I. Aktueller
Wortschatz
1.
Ziel
Ein modernes
Wörterbuch muss die Wörter zur Verfügung stellen, die das heutige Sein und
Geschehen beschreiben.
2.
Zurückstellung
veralteter Wörter
Technisch oder
gesellschaftlich überholte Wörter und Redewendungen, die nur noch selten
gebraucht werden, wurden aus Platzgründen nicht aufgenommen.
Beispiele: „Alkoven“ (Wandbett im alten Bauernhaus), „Bilegger“ (Wohnzimmerofen im alten Bauernhaus), „Butz“ (eingebaute Bettstelle im alten
Bauernhaus).
3.
Aufnahme moderner
Wörter
Neben dem Stammwortschatz wurden viel gebrauchte Wörter aus dem Bereich des modernen Lebens aufgenommen. Dazu gehören auch begriffliche Wörter, weil sie in einer verschriftlichten Welt mehr als früher gebraucht werden. Diese Wörter sollen aber nicht dazu führen, dass der („bildhaftere“) niederdeutsche Verbalstil durch den („blasseren“) hochdeutschen Nominalstil ersetzt wird.
Beispiele: „Achtersitt“ (Rücksitz im Auto), „Anstellte“ (Angestellte/r), „Autobahnkrüüz“ (Autobahnkreuz), „Bedrief“ (Betrieb), „Iesschapp“ (Gefrierschrank), „Kontouttog“ (Kontoauszug), „Landdag“ (Landtag), „Landsregeren“ (Landesregierung), „Noothelpauto“ (Rettungswagen), „Notebook/Laptop“ und „Klappreekner“ (Notebopok/Laptop); „Paddlöper“ (Pfadfinder), „Parkhuus“ (Parkhaus), „Silaasch“ (Silage), „spiekern“ (speichern), „Sozialhelp“ (Sozialhilfe), „Sozialgeller“ (Sozialleistungen), „Störthelm“ (Sturzhelm), „Sünnlichtsammler“ und „Solorkollekter“ (Sonnenkollektor), „Verfaten“ (Verfassung).
3. Erhaltung von
Nebenformen
a) Wortformen
Nebenformen
von Wörtern stehen wie bisher in Klammern hinter der Hauptform stehen,
erscheinen aber nunmehr zusätzlich als eigenes Stichwort erscheinen, z.B.
findet man neben dem bisherigen „gröön
(greun)“ für «grün» künftig auch das Stichwort „greun, s. gröön“. Das erleichtert das Auffinden anderer
Wortformen.
Es konnten
aber wie im alten Saß nicht alle Dialektformen aufgenommen werden, z.B. nicht
der Wechsel zwischen „geven“ und „geben“, hier blieb es bei der
erstgenannten Form.
b) Synonyme
Neben den
bisher schon enthaltenen Wörtern wurden Synonyme aufgenommen, soweit sie heute
noch gebraucht werden: So kannte der alte Sass z.B. „Aal (Ool)“ und „Addel“ für «Jauche», im neuen ist „Jüüch“ hinzugekommen.
c) Bedeutungsfelder
Auch weitere
Bedeutungen von Wörtern wurden genannt: im alten Saß fand man hinter „Bagaasch (Bagoosch)“ nur die Bedeutung
«üble Gesellschaft»“, nunmehr steht dort «Ge-päck;
Pack, üble Gesellschaft» und die Wendung „de
ganze Bagaasch“ «Sack und Pack, Kind und Kegel».
4. Mann und Frau
gleich
In der Regel
finden sich neben den männlichen Berufsbezeichnungen entsprechende weibliche
Formen. Das geht bis von der „Schölerin“ oder
„Schölersche“ über die „Olenplegerin“ oder „Olenplegersche“ bis zur aktuellen „Soldatin“ oder „Soldaatsche“.
Übrigens: In dem Wörterbuch werden stets der
«Leser» und die «Leserin» angesprochen.
4.
Namen von
Ländern, Städten, Flüssen
Die
obigen Namen begegnen den Lesern/Leserinnen meistens in ihrer hochdeutschen
Form. Die häufigsten Namen werden daher in ihrer niederdeutschen Form
aufgeführt. Beispiele: Brannenborg, Bremen, Hamborg, Mekelnborg-Vörpommern,
Neddersassen, Noordrhien-Westfalen, Sassen-Anholt, Sleswig-Holsteen, Elv,
Rhien, Werser.
II. Zahl der Wörter
Die Erhöhung der Zahl der Wörter von je
5.000 auf je 9.000 erschien aus zwei Gründen erforderlich:
Manche Unsicherheit in der Schreibung
ergab sich auch daraus, dass man zu viele Wörter nicht im Wörterverzeichnis
nachlesen konnte.
Heutzutage wird auch mehr nach einem
Wort gesucht und nicht nur nach seiner Schreibung.
Die
Zahl 9.000 ist daher als neues Minimum anzusehen.
D. Besonderes zu den
Schreibregeln
I. Ausgangslage
1.
Wesentlich gleich
Gesprochenes gleich, wesentlich ungleich Gesprochenes ungleich schreiben
Jeder/jede
kann selbstverständlich so schreiben, wie er/sie es für sich als richtig
erkennt.
Es
erscheint jedoch zweckmäßig, Lesern/Leserinnen ein möglichst einheitliches Schriftbild
anzubieten. Man macht es ihnen leichter, wenn zumindest ein Text durchgängig
nach einem System geschrieben wird. Das niederdeutsche Wort für «Baum» sollte
im selben Text also nicht einmal „Boom“,
dann „Bohm“ und eventuell sogar noch „Bom“ geschrieben werden. Auch das
niederdeutsche Wort für «Zeit» sollte
nicht einmal als „Tiet“ und dann als „Tied“ erscheinen. Darüber hinaus
erscheint es lesefreundlicher, wenn sich möglichst viele Autoren auf eine
niederdeutsche Schreibweise einigen. Das gilt ganz besonders für Anthologien
und für Texte, die sich an Schüler/Schülerinnen wenden. Man dient den Lesern/
Leserinnen, wenn wesentlich gleich Gesprochenes gleich und wesentlich ungleich
Gesprochenes ungleich geschrieben wird. Vor diesem Hintergrund sind die Saß´schen
Schreibregeln zu sehen.
2.
Nähe zum
hochdeutschen Schriftbild sinnvoll
Es
sind in der Regel Hochdeutschleser/Hochdeutschleserinnen, die sich einem
niederdeutschen Text zuwenden. Die Worterkennung ist um so leichter, je mehr
sich das niederdeutsche dem hochdeutschen Schriftbild nähert. Das ist ein
Grundsatz der Saß´schen Schreibregeln.
3. Schreibtradition
Die
Saß´schen Schreibregeln sind die im nordniederdeutschen Sprachraum am besten
akzeptierten Regeln. Die meisten der lebenden Autoren richten sich mehr oder
weniger nach „Saß“. Es gibt eine gefestigte Saß´sche Schreibtradition. Hierauf
muss aufgebaut werden.
II. Weitere
Vereinfachungen in den Schreibregeln
1.
Nicht mehr
„Jahr“ oder „Johr“, sondern nur noch „Johr“
Das lange a hat sich vor r generell und
ganz zu langem einlautigen o verdunkelt, so dass es, einer Anregung des
Instituts für niederdeutsche Sprache folgend, künftig auch o geschrieben wird,
z.B. bisher „Jahr“, künftig „Johr“. Dies o hat den Lautwert des o im
hochdeutschen Wort bohren. Mit dieser o-Schreibung wird im Niederdeutschen die
Kongruenz zwischen Aussprache und Schreibung wieder hergestellt.
a)
Nur noch
„Buer“, daneben kein „Buur“ mehr
Die Doppelschreibweise „Buur“/“Buer“ für «Bauer» wurde, auf
Vorschlag von Lehrern, auf „Buer“ reduziert, weil in dieser
Schreibweise das hochdeutsche «Bauer» leichter erkennbar ist. Der Grundsatz, dass das, was wesentlich gleich
gesprochen, auch gleich geschrieben wird, wurde hier weitergeführt.
b)
Nur noch „boen/buen“,
kein „boon/buun“ mehr;
„hören (heurn/hüürn)“ wird „hören (heuren/hüren)“
Die Endung –en wird im Niederdeutschen,
wie es großenteils auch im Hochdeutschen geschieht, generell als n gesprochen.
Darum gibt es keinen Grund zur Unterscheidung zwischen –en und –n mehr. Die
Saß´sche Regel, dass Endsilben ausgeschrieben werden, dient der Wiedererkennung
durch Leser und Leserinnen, die an hochdeutsche Texte gewöhnt sind. Bisherige
Schwankungen beispielsweise zwischen „boen/buen“
und „boon/buun“ oder „hören/heurn/hüürn“ werden zugunsten der
Form –en „hören/heuren/hüren"
aufgegeben, die in den hochdeutschen Entsprechungen als «bauen» und «hören»
finden.
d) „du mellst“, nicht
mehr „du meldst“
Bei
Verben, in denen ein im Hochdeutschen noch erhaltenes d sich im Niederdeutschen
teilweise an den vorangehenden Buchstaben anpasste, z.B. „binnen“ (binden), „mellen“
(melden), „wennen“ (wenden), „winnen“ (winden), schrieb man bisher „du bindst“, „du meldst“, „du wendst“, „du
windst“. Weil das d hier generell nicht mehr gesprochen wird, schreibt man
künftig „du binnst“ (du bindest), „du mellst“ (du meldest), „du wennst“ (du
wendest), „du winnst“ (du windest).
e) „he sett“, nicht mehr „he sett´t“
Nach
den Saß´schen Regeln wurde das Konjugations-t nach auslautendem t-Laut
mitgeschrieben, z.B. „setten: he sett´t“.
Bei den Mustern zur Biegung der schwachen Tätigkeitswörter setzt Saß diese
Regelschreibung nur in Klammern hinzu, z.B. „setten: he sett (sett´t)“. Im Wörterverzeichnis schreibt er das
Konjugations-t gar nicht mit, z.B. „he
sett“ In der Schreibpraxis findet sich „he
sett´t“ kaum.
Die
Schreibweise mit Konjugations-t entfällt nun.
f)
„Deel“:
einlautig gesprochen = Diele, zweilautig gesprochen = Teil
Das
e mit Unterhaken (H) für das
einlautige e, z.B. DHl (einlautig = Diele),
Deel (zweilautig = Teil), hat
sich in der Praxis nicht durchgesetzt. Dies Sonderzeichen steht nicht ohne weiteres zur Verfügung.
Daher
gibt es keine schriftliche Unterscheidung mehr zwischen dem einlautigen und
zweilautigen e. Das e mit Unterhaken entfällt ersatzlos.
g) „Köök“ einlautig gesprochen = Küche, „gröön“ zweilautig
gesprochen = grün
Das
zweilautige ö schreibt man gröön. Für
das einlautige ö gab es das ö mit Unterhaken, der ebenfalls auf
Schreibtastaturen gar nicht oder nicht ohne weiteres verfügbar ist. Auch die
Schreibmöglichkeit oe, z.B. Koek, ist
von der Praxis kaum wahrgenommen worden.
Diese
Schreibweisen entfallen nun. Man schreibt also das einlautige ö wie das zweilautige,
z.B. „Köök“ wie „gröön“.
h)
Kein Apostroph
zur Kennzeichnung einer Überlänge des Stammvokals
Auf
Überlänge eines Selbstlauts folgt ein weicher Mitlaut. Die Überlänge kann durch
ein Apostroph noch verdeutlicht werden, z.B.
„in ´n Huus´ “ (im Hause),“ „de Duuv´
“ (die Taube), „de Lüüd´ “ (die Leute), „Weeg´ “ (Wiege). Da diese Verdeutlichung in der Praxis kaum
erfolgt, wurde auch diese Regel gestrichen.
i)
Lateinische
Namen für Wörter und Wortformen
Die
deutschen Bezeichnungen wie beispielsweise Ggw. (Gegenwart), Verg.
(Vergangenheit), Mf. (Mittelform), w. (weiblich) sind durch lateinische Namen
wie präs. (Präsens), prät. (Präteritum), part. (Partizip), f (feminin) ersetzt
worden. Denn an diese Bezeichnungen sind Leser und Leserinnen in dem Alter, in
dem sie das Wörterbuch benutzen, sowohl durch den Deutsch- als auch den
Fremdsprachenunterricht gewöhnt. Im Abkürzungsverzeichnis finden sich aber
hinter den lateinischen Namen vorsorglich auch die deutschen.
j) v oder f in der
Konjugation von Verben
Die Schreibung v oder f im Auslaut
richtet sich nach der Aussprache, z.B. „Bedrief“, „Wief“, „fief“, „scheef“ = einfache Länge (Betrieb, Weib, fünf, schief), „de Leev“ = Überlänge (die Liebe). Die Überlänge
entstand im Nordniederdeutschen durch den Abfall des e, das im Hochdeutschen
erhalten ist.
Konjugationsformen von Verben mit dem
stimmhaften v/b-Laut, z.B. drieven/drieben
(treiben), müssten, wenn eine Überlänge erkannt wird, mit v geschrieben werden,
z.B. ik driev (ich treibe), ansonsten
aber mit f, z.B. „ik dreef“ (ich
trieb). Saß schreibt in Konjugationsformen jedoch stets v, also auch z.B. „ik dreev“ (ich trieb), s. „drieven“ im Wörterverzeichnis. Es lag
eigentlich nahe, diese Ausnahme aufzuheben. Da aber die Schreibpraxis
überwiegend Saß folgt, wurde keine Änderung vorgenommen. Es wurde vielmehr
diese Praxis durch eine Erweiterung der Schreibregeln abgesichert.
E. Sonstiges
1.
Zahlwörter
Nach der Art der
Fremdsprachenwörterbücher ist ein besonderer Abschnitt den Zahlwörtern
gewidmet. Er gibt eine Übersicht über Grundzahlen, Ordnungszahlen,
Zahladverbien,
Bruchzahlen usw.
2. Die wichtigsten
Alltagssätze
Wie in einem fremdsprachlichen
Reisewörterbuch findet man Mustersätze zur Begrüßung (z.B. „Moin! Moin!“), Verabschiedung (z.B. „Kiek mal wedder in!“), Bitte und Dank (z.B. „Dor nich för!“), Entschuldigung und Bedauern (z.B. „Deit mi Leed!“), gute Wünsche (z.B. „Maak dat goot!“), Fragen nach dem Weg
(z.B. „Köönt Se mi seggen, woans ik na
... kaam?“), Fragen nach der Uhrzeit (z.B. „Wat is de Klock?“) sowie Fragen beim Einkaufen („Woneem krieg ik ...?“).
3. Konjugation von
Verben
Sie wird für schwache Verben im Anhang
an Musterbeispielen demonstriert.
Starke und unregelmäßige Grundverben werden
an Ort und Stelle voll durchkonjugiert, z.B. bei „gahn“. Sind die Verben mit einem Präfix erweitert, z.B. bei „angahn“, wird auf das Grundverb
verwiesen.
4. Anwendungsbeispiele
Mag
es nun Plattdeutsch aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen,
Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern oder anderen Bundesländern sein - alles lässt
sich nach den Regeln von Saß schreiben, ohne dass die jeweilige Eigenart
verloren geht.
Texte
von plattdeutschen Schriftstellern veranschaulichen das.
F. Herausgeberin, Autoren und Verlag
Herausgeberin ist die Fehrs-Gilde,
Verein zur Förderung des Niederdeutschen e.V. Sie ist eine niederdeutsche
Literaturgesellschaft, deren Arbeitsschwerpunkt die Herausgabe an spruchsvoller
Literatur ist.
Autoren sind Heinrich Kahl und Heinrich
Thies. Intensiv mitgearbeitet haben Klaus D. Jürgens und Hans-Georg Peters.
Erschienen ist das Wörterbuch in der
„Edition Fehrs-Gilde“ des Wachholtz Verlag Neumünster und kostet 16 €.
Die erste Auflage von Ende September
war bis Ende November ausverkauft. Die zweite Auflage für das
Weihnachtsgeschäft ist gerade erschienen.
G.
Fragen und Anregungen
Haben Sie Fragen oder Anregungen, so
schreiben Sie uns. Wir sind dafür offen.
Verein zur
Förderung des Niederdeutschen e.V.
Gerhart-Hauptmann-Weg 17, 21509 Glinde